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Manchmal denken Behörden nach tragischen Unfällen darüber nach, ob man solche Unglücke in Zukunft durch Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht verhindern kann.
In Dessau gibt es Tempo30-Zonen, die keinen interessieren.
So ein Pizzakurier in seinem Pizzaflitzer hat schon mal andere Dinge im Kopf, als darüber nachzudenken, was passiert wenn er mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Meiereistraße brettert und ein spielendes Kind auf die Straße läuft. Sicher hat er sein Fahrzeug im Griff, weil er mit seinen 19 Jahren schon an fünf Fahrsicherheitstrainings teilgenommen hat, eine unheimliche Fahrpraxis vorweisen kann und ohnehin schon fast Formel 1 Weltmeister ist. Wenn dem so ist, braucht er hier nicht mehr weiter lesen.
Doch kennt dieser Idiot (Sorry für diesen Begriff hier. Aber am Straßenrand stand mein Patenkind) auch ein paar physikalische Größen??
Bei Tempo 30 und ein bissl Aufmerksamkeit (also weder Handy am Ohr, noch Pizza im Hirn) ergeben sich folgende Zahlen:
Reaktions- und Umsetzzeit: ca. 0,6 Sekunden oder knapp 5 m Wegstrecke
Bremszeit: ca. 2,0 Sekunden oder etwa 8,5 m
Macht zusammen 13,5 m vom Erkennen es Kindes bis zum Stillstand.
Das sind gut drei Autolängen.
Da es der Pizzabote in Dessau ein bissl eiliger hat, fährt er mit geschätzten 45 durch die Meiereistraße.
Jetzt sehen die Zahlen schon anders aus:
Reaktions- und Umsetzzeit: ca. 0,6 Sekunden oder knapp 7,5 m Wegstrecke
Bremszeit: ca. 2,0 Sekunden oder etwa 18,5 m
Zum Stehen kommt er folglich frühestens 26 m nachdem er das Kind erkannt hat. Das sind jetzt schon über fünf Autolängen; fast der doppelte Bremsweg. Und immer noch ist er voll konzentriert am Steuer und hat kein Schmalz im Kopf.
Die 13,5 m können bei spielenden Kindern schon ein Problem werden. Aber mit einem Schutzengel bleibt es wohl bei kleineren Blessuren. 26 m werden dem Pizzaexpress nicht mehr ausreichen. 13 m vorm Stillstand hat er immer noch Tempo 30 auf dem Tacho.
Die Folgen??? … Da denken wir jetzt nicht dran.
Ob so ein Pizzakurier es versteht, wenn man ihn das nächste Mal aus seinem Auto zieht?
Das Schlimme daran ist, dass es sich hier um eine wahre Geschichte handelt.
Die Mail an die Zentral des Pizzadienstes:
Hallo,
wir wohnen mit 2 kleinen Kindern in einer Zone 30. Immer wieder brausen hier Autos von …. (aus Datenschutzgründen für´s erste hier gelöscht) durch. Heute stand ich um 19:00 Uhr (Dunkelheit) am Gehweg mit meinem 1 jährigen Sohn an der Hand. Ich sah schon wie wieder so ein Raser anbraust. Der hat uns nicht sehen können. Als er bei uns war, ist er etwas ausgewichen und ziemlich eng an parkenden Autos vorbei. Das waren auf keinen Fall 30. Ich wusste nicht dass es für Pizzadienste Sonderregelungen gibt. Kalte Pizza hin oder her.
An Regeln muss sich jeder halten. Oder soll mein Kind wegen einer Pizza überfahren werden? Ich halte es für eine Frechheit, wie hier in den verkehrsberuhigten Straßen rücksichtslos gefahren wird. Das Ordnungsamt ist machtlos. Sollte es noch einmal vorkommen wie heute, werde ich Anzeige erstatten. Der Fahrer muss ja zu ermitteln sein. Wenn bei den parkenden Autos ein Kind gestanden hätte, der Fahrer hätte auf keinen Fall bremsen können.
Auf jeden Fall muss man sich überlegen, die ohnehin mittlerweile teuren Pizzen zu bestellen, wenn man weiß was auf dem Spiel steht. Und wenn ich mich richtig erinnere war in Dessau schon einmal ein Unfall mit einem Pizzaboten.
Ich bin jetzt erst einmal gespannt, ob ich eine Stellungnahme bekomme.
Mit freundlichen Grüßen
….
Die Antwort des örtlichen Pizzachefs:
Sehr geehrter Herr …,
zunächst bedaure ich, dass Sie sich mit dem Problem nicht direkt und unmittelbar an uns gewandt haben.
Unsere Mitarbeiter müssen seit Jahren Fahrtenbücher für jede ausgefahrene Tour führen. Somit hätten wir nach Eingang Ihrer Information sofort reagieren können und den entsprechenden Mitarbeiter zur Rechenschaft gezogen.
Grundsätzlich sind wir als Geschäftsleitung dringend daran interessiert, als Unternehmen im Straßenverkehr nicht unangenehm aufzufallen.
Nicht nur, dass eine Schädigung von Personen Schmerzen, Leid und andere gravierende Unannehmlichkeiten für den Geschädigten bedeuten, es führt, wie Sie schon angedeutet haben, zu einem Imageverlust für die Marke … mit entsprechenden Auswirkungen auf das Kaufverhalten unserer Kunden.
Aus diesem Grund werden unsere Mitarbeiter bei der Einstellung darauf geschult, dass die Straßenverkehrsordnung grundsätzlich Gesetz für jeden Einzelnen ist. Geschwindigkeitsvorteile für eine schnelle Belieferung werden immer durch bessere Organisation im Innendienst erreicht, nie durch rasantes Fahren.
Um das zu unterstreichen, werden alle Namen von Mitarbeitern, von denen uns ein Blitzfoto zugesandt wird, umgehend mit Adresse an die entsprechende Behörde weitergeleitet.
Zusätzlich ist im Arbeitsvertrag eine Klausel zu einer Selbstbeteiligung von 800,- Euro für den betreffenden Mitarbeiter bei selbst verschuldetem Unfall enthalten.
Trotzdem können die von Ihnen geschilderten Exzesse nicht immer von uns kontrolliert und abgestellt werden. Bei den Mitarbeitern, die oftmals erst 18 – 19 Jahre alt sind, müssen sehr häufig einfachste Umgangsformen im Erwachsenenleben, aber auch die grundsätzliche Anerkennung, dass es im Leben zwar Rechte, aber auch Pflichten auf Gesetzen basierend gibt, weitervermittelt werden.
Ich kann mich abschließend nur nochmals bei Ihnen entschuldigen, machen Sie bitte davon Gebrauch, uns direkt nach einem entsprechenden Vorgang anzurufen.
Natürlich werden wir den Vorgang mit unseren Mitarbeitern direkt auswerten.
Mit freundlichen Grüßen
…
Und das alles damit die Pizza 167 Sekunden (das ist die eingesparte Zeit auf 700 m Wegstrecke) schneller beim Kunden ist. Ist das der neue Kundenservice in Deutschland?!

